Worte in Gold

Es stank fürchterlich.
Auf dem rostigen Boden suchte sich eine trübe Flüssigkeit, deren Ursprung niemand wissen wollte, ihren Weg, wobei sie Strohhalme und andere Dinge, die ebenso niemand näher hinterfragen mochte, mit sich trug.
Garth vermied es, mit seinen nackten Füßen irgendetwas zu berühren, das er nicht genau bezeichnen konnte. Jeder seiner Schritte suchte eine trockene Stelle, was ihn eher tanzen als laufen ließ. Am liebsten wäre er an der Wand entlang gegangen, aber das war unmöglich, da man ihm die Arme auf dem Rücken gefesselt hatte.
„Halt“, rief der kleinere der beiden Wächter, die ihn an mehreren unbenutzten Zellen vorbei durch den gewundenen Gang führten und dabei die kurzen Regeln erklärten.
Der zweite sprach bisher nicht. Beide Uktrai waren ungewöhnlich sanft. Eigentlich sollte man meinen, sie würden ihre Gefangenen stoßen, anbrüllen oder gar über einen herfallen, schließlich war das hier ein äußerst großes Gefängnis, wo man nie sicher war, ob der Abschaum hinter oder vor den Zellentüren stand. Aber nichts geschah. In Garth's Kopf tobten die Gedanken zwischen Erleichterung und Beleidigung, da er laut der Meinung vieler ungemein gutaussehend war. Er empfand es im übrigen ebenso, sein junges Gesicht war tatsächlich bildschön. Zusammen mit dem länglicher Hals schien es wie eins mit dem schmalen Oberkörper zu sein, der in einer dynamischen Form fast gerade gewachsen war. Anders als ein immer leicht buckliger Uktrai hatte Garth nicht nur einen Hals und deutlich erkennbare Gelenke, die er an sich besonders schätzte, nein, er war äußerst schlank und hochgewachsen.

Uktrai wirkten in ihrer allgemeinen Erscheinung wie grob zusammengesetzt und durchaus gefährlich, wobei der angeborene Chitinpanzer dabei seine durchaus bedeutende Rolle spielte. Diese beiden waren geradezu Vorzeigeexemplare dieser kräftigen und unglaublich widerstandsfähigen Spezies, dem entgegen jedoch sehr still. Nur wenige Uktrai waren ihrem Äußeren entsprechend aggressiv, diese Beiden aber wirkten fast schon zu friedfertig. Warum waren sie dann hier? Da wo die Schlimmsten der Schlimmsten eingesperrt wurden? Selbst als sie Garth mit ihrem Speeren den Haltebefehl verdeutlichten, wirkte dies ruhig und mehr aus einer Förmlichkeit heraus als tatsächlich bedrohlich. Der größere der beiden Wachen sah mit seinen beiden tiefschwarzen Augenpaaren zu ihm auf. Seine Hauer, die aus dem gezackten Mund ragten, zuckten leicht, während er seinen groben Kiefer bewegte: „Dreh dich bitte um.“ Seine Stimme war sanft und rau. Garth kehrte ihm wortlos den knochigen Rücken zu und wartete. Mit einer schnellen Bewegung seiner Klauen durchtrennte der Wächter die feine Seide, mit der er zuvor seinen Gefangenen gefesselt hatte, der zweite öffnete derweilen die stabile Tür einer naheliegenden Zelle. Garth kannte das Prozedere, es war schließlich nicht das erste Gefängnis, in dem er seine Zeit verbrachte.
Folgsam, mit aufgerichteten Fühlern und ohne dass ein Wort fallen musste, ging er hinein in die Dunkelheit. Als erstes hob er seine Nüstern. Glück gehabt, es gab dieses Mal keinen weiteren Gefangenen in seiner Zelle. In der Mitte des runden Raumes angekommen, blieb er stehen und sah sich zu seinen beiden Wächtern um, die die Tür langsam zu schließen begannen. „Verhalte dich ruhig, das ist besser für alle.“
„Am Morgen gibt es Essen“, fügte der zweite hinzu. Garth nickte. Da draußen wäre er sicher verhungert, hier drin konnte ihm das nicht passieren.
Die Tür fiel geräuschvoll ins Schloss und die Bolzen rasteten sirrend ein.

Garth Fühler fielen herab wie Regentropfen und hingen nun an seinem Kopf herunter. Tief atmete er durch, rührte sich aber keinen Pewi. Nach und nach gewöhnten sich seine Augenpaare an die Dunkelheit. Bald konnte er hier so gut sehen wie am Tage, das war eine der Eigenschaften der Uktrai, auch wenn er nur einen Viertel davon in sich trug. Garth und Seinesgleichen wurden Ukrita genannt, ein Mischling. Schwächer und mit einem weniger kompakten und ausgeprägten Körper. Dafür aber größer, gewandter und deutlich langlebiger. Die wenigsten Ukrita konnten Seide spinnen, so auch er nicht, etwas das Garth bereits seinen ganzes Leben lang bedauerte. Dabei war es ihm egal, dass er dazu jetzt seine Hosen hätte ausziehen müssen. Das Spinnen von Seide war für jeden auf DaroTha lebensnotwendig und die dafür benötigten Drüsen befanden sich - jedenfalls bei einem Uktrai und den wenigen glücklichen Ukrita, die sie hatten - als Teil des Rückens, knapp über dem Gesäß. Daher trugen die meisten Uktrai nur Gürtel und Lendenschurz zu ihren Rüstungen. Um den Seidennachteil auszugleichen, steckte Garth in einen engen Anzug, den er selbst angefertigt hatte. Den Stoff konnte er bei Bedarf entfalten und nach einem weiten oder hohen Sprung war es ihm möglich, ein kleines Stück durch die Luft zu gleiten. Es war ein halbes De'Han, seit er ihn das letzte Mal benutzt hatte, und es würde wohl noch eine Weile dauern, bis er wieder dazu kam.
Nur mit der Bewegung seiner Augen sah er sich in seiner Zelle um. Sollte so sein Leben sein? Immer wieder eingesperrt zu werden, weil er sich nicht damit abfinden konnte, dass etwas war, wie es war? Sein Blick wanderte langsam die Wand hinauf. Es war ihm nicht möglich, das Ende der Zelle zu erkennen, aber sie bot Schlupfwinkel, wie sie in allen Uktrai-Behausungen zu finden waren. Er seufzte, und einmal mehr wünschte er sich Seidendrüsen. Mit diesen hätte er sich hoch über diesen widerlichen Boden einen warmen und weichen Kokon bauen können, Schlafgelegenheit und Schutz zugleich. So aber musste er nur wieder an der Wand hängen und warten. Wie damals. Vor einen halben De'Hria war Garth das erste Mal in einem Gefängnis gewesen, knapp zwanzig DaDuwok von hier entfernt, in seinem Heimatdorf Padan.
Vier De'Hria sollte er dort verbüßen. In den wenigen De'Hana, die er nun schon auf dieser Welt wandelt, hatte er viel gesehen, viel getan und oft gebüßt. Langsam legte er seine krallenbewehrten Finger an das steingleiche Mogdan, aus dem besonders alte Uktraigebäude gefertigt worden waren und zog sich hoch. Seine ebenfalls mit Greifhaaren besetzten Füße schoben seinen schlaksigen Körper nach. Er kletterte bis zur Hälfte der mehrere Pao hohen Zelle und kauerte sich in eine der größeren Lücken, die dort mit einen kleinem Sims und einer winzigen Aushöhlung angebracht war. Wenigstens musste er nicht mehr den Boden berühren. Mehrere Tori lang hing er regungslos am Gestein und dachte darüber nach, was geschehen war und wie es geschehen konnte. Garth verbrachte schon immer viel Zeit mit Grübeln, was ihn für die Meisten zu einem Träumer machte. Zu Unrecht, wie er empfand.